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Zeichentisch

Max Kläger - Zu den Arbeiten von Waltraud Palme

Das Werk Waltraud Palmes, so wie es sich hier präsentiert, gewinnt seinen ganz besonderen Stellenwert innerhalb der zeitgenössischen Kunst Österreichs durch die Zeichenhaftigkeit der Gestaltungs- und Präsentationselemente. Die Künstlerin malt, zeichnet, schabloniert, stempelt und installiert und stellt auch Verbindungen zu sprachlichen Elementen her. Dies ist ungewöhnlich und bestätigt den grenzüberschreitenden Charakter des Werkes der Künstlerin. Denn eine bemerkenswerte Konsequenz einer solchen künstlerischen Zugriffsweise liegt in ihrer Zeitlosigkeit und der damit verbundenen Unabhängigkeit von wechselnden Kunstmoden und ist gleichzeitig und eigentlich paradoxerweise, auch ein Zeichen ihrer andauernden Modernität.

Wir glauben manche dieser Gebilde wiederzuerkennen, doch andere Gebilde erscheinen uns völlig fremd, nicht entzifferbar, ja, irgendwie mehrdeutig, auf eine spannende und aufregende Weise. Es tritt der merkwürdige Zustand ein, daß das Bekannte fremd und das Fremde bekannt wird. In solcher Weise werden Fantasie und bildnerisches Vorstellungsvermögen des Betrachters provoziert und es bringt Erinnerungsspuren zum sprechen und löst begriffliche Verfestigungen auf.

So gibt uns Waltraud Palme durch ihre Kunst Hilfen um uns bei der Einsichtnahme der Zeichen einer fremdbestimmten Entschlüsselung zu entziehen und eigene, subjektive Bedeutungen zu finden. Wir tun das, indem wir an der Zeichenfindung der Künstlerin teilnehmen, ja, im Laufe der Zeit vielleicht sogar unsere eigenen, ganz persönlichen Zeichen selbst erfinden.

Daraus können wir schließen, daß eine Kunst, die den Betrachter veranlaßt, selbst fündig und selbst tätig zu werden, die eigentlich ursprüngliche Kunst ist, die auf spielerische Weise zu individuellem, freiheitlichen Seh- und Kommunikationsverhalten ermuntert.

Nun die Frage, wofür stehen diese Zeichen? Sind es Zauberzeichen, Geheimzeichen, Verkehrszeichen, Firmenzeichen, Rotwelschzeichen, sind es gar Symbole mit tieferem Sinn? Denn Zeichen können ja auch Symbole sein. Ich meine, je nach der Prägnanz der Formen, nach der ästhetischen Qualität und der Intensität der Gestaltanmutung kann tatsächlich das einzelne Zeichen zum Symbol werden.

Allerdings gelingt die dafür nötige Umwandlung nur dem aktiven, konnotierenden, ja kreativem Betrachter. Künstler brauchen kreative Betrachter. Er verinnerlicht sozusagen das Zeichen in seiner Ordnungsbezogenheit zum Symbol, indem er etwas hinzugibt, hinzudeutet, eben konnotiert. Er gibt etwas von seiner Person, seinem Wesen, seiner Erfahrung, seinem Schicksal dazu, um so das Symbol im eigenen Leben virulent zumachen.

(Freilich sind nicht alle Zeichen gleichwertig, es gibt keine Demokratie der Zeichen und Symbole. Es gibt starke Zeichen, es gibt schwache. Allerdings kann der bildnerisch denkende Betrachter durch geistige Anstrengung in einem Akt des bildnerischen Verwandlungsvorgangs schwache Zeichen zu starken machen, und in neue Ordnungszusammenhänge stellen, sozusagen auf spielerische und abenteuerliche Weise.

Trotzdem kann es sein, daß schwächliche, bedürftige Zeichen auch im Werk von Waltraud Palme notwendig sind und daß sie ihren Platz innerhalb des angestammten Formates brauchen. Denn wenn sie die Vielfalt des Lebens widerspiegeln sollen, dies sagt ja die Künstlerin selbst, dann sind eben auch schwächliche Zeichen darstellungswürdig. Außerdem können sich so die starken, mächtigen Zeichen im Ensemble der Formen noch stärker profilieren, in einer Art Bedeutungsperspektive, wie wir es in der Kunst der Kinder und der intellektuell eingeschränkten Personen kennen.

Künstlerische Gebilde, Kunstwerke weisen ja oft vielfältige hierarchische Strukturen auf, ich nenne da nur die Symmetrie, samt Symmetriesog, die Macht der Mitte, sowie die bedeutungsgeladenen Plazierungen in der Topographie des Bildraumes. Aber immer besteht die Möglichkeit - das ist das tröstliche bei der Sache - daß die bescheidenen, zurückhaltenden Zeichen durch die ästhetische Kreativität des Betrachters, des Kunstkenners, des Connaisseurs, zu starken Zeichen mutieren und sich so in Symbole verwandeln.)

Nun aber zurück zum Wesen der Zeichen von Waltraud Palme. Was ist das Charakteristische dieses Zeichenwerkes? Dieser "Zeichenschaft", wie es die Künstlerin ausdrückt? Mir fallen dabei folgende Stichworte ein: Piktogramm, Bildzeichen, Phonogramm, Lautzeichen, Fotogramm, Scherenschnitt, Schattenspiel, Silhouettenschnitt, und insbesondere das Wort "Schablone". Weiter denke ich an das Licht- und Schattentheater, an die romantischen Schattenbilderbögen eines Grafen Pocci zu München und an die Flächengebilde des Jugendstils aber auch an das zeichnerische Werk eines Aubrey Beardsley.

Worum geht es?

1. Es geht um die durchgängige Flächigkeit der Präsentation, die auf der Kraft und Stärke des Kontrastes, des homogenen Schwarz, nämlich dem Schatten und dem homogenen Weiß, dem Licht, beruht und sich dabei auf das Wechselspiel von Figur und Grund beruft.

2. Es geht um präzis geschnittene,. d. h: ausgeschnittene oder eingeschnittene, manchmal auch um eingerissene Formen.

3. Das diesem Geschnittenen und dessen malerischer Umsetzung gemäße graphische Reproduktionsverfahren ist. heutzutage der Siebdruck, der seinem Wesen nach ja kein Druckverfahren im herkömmlichen Sinne, sondern ein Schablonenverfahren ist. Denn es gibt es keinen Druckstock und damit auch keine Seitenverkehrtheit.

Die zahlreichen Verkehrs- und Hinweiszeichen unserer Tage - nur allzu oft sterile Designer-Zeichen - erscheinen einem sensiblen Reisenden/Verkehrsteilnehmer nur erträglich, wenn man sie von Zeit zu Zeit durch ästhetische Ironie lächerlich macht, ihre intendierte Eindeutigkeit in eine ungehorsame, zum Lachen reizende Mehrdeutigkeit verwandelt und sie damit ihrer nivellierenden Eintönigkeit entkleidet.

Nicht so bei Waltraud Palme. Hier sind es nicht modische Designer-Zeichen, sondern Künstlerzeichen, lebendig und symbolisch offen. Sie laden ein zum ästhetischen-meditativen Verhalten und geben unserer Phantasie Nahrung und fordern geistige Beweglichkeit. Palmes' Piktogramme könnte 'man als symbolträchtige Spielmünzen bezeichnen, sie sind Bilder und Bildzeichen zugleich, sind funktionslos und funktionstüchtig zur selben Zeit, sie haben eine archaische, ja archetypische Qualität.

Viele künstlerische Zugriffsweisenbleiben im allzu Persönlichen, ja geradezu Autistischen stecken und langweilen den Betrachter. Bei den Werken Waltraud Palmes ist dies anders, erfrischend anders. Ihr ist es gelungen ein wahrlich zeitloses Thema, das die Menschen, seit altersher begleitet, von den Zauberzeichen der Schamanen, der Jäger und Sammler bis zu den Piktogrammen unserer technische Zivilisation so zu verwandeln, so neu zu gestalten, zu verzaubern und zu vitalisieren, daß das Lesen der Zeichen und das damit verbundene Meditieren zu einem faszinierenden Spiel für Betrachter und Kunstliebhaber wird.

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Künstlerbücher
"Alternative spaces"

Seit mehreren Jahren erzeuge ich Tafelbilder ausschließlich mit Walze und Schablone, vereinzelt tritt auch ein Stempel in Aktion.

Deshalb stellt das Schneiden von Silhouetten neben dem Zeichnen einen wesentlichen Bestandteil meiner Arbeit dar.

Mit den Jahren habe ich mich aber vom Ort der Leinwand entfernt und dem Medium des Buches angenähert: Das Buch als alternativer Raum, der mehr als ein paar Bilder beinhaltet und das Betrachten zu einem haptischen Erlebnis werden lässt.

Meine Arbeiten behandeln - oft ironisch - ein Thema oder erzählen Geschichten in immer wieder variierten Versionen. Manchmal dienen mir Bücher auch als Archiv, in dem ich Forschungsergebnisse, die das Sammeln von Formen betrifft, festhalte.

Nicht selten thematisiere ich damit auch meine Arbeitsweise an sich und klebe aus den Vorlagen dreidimensionale Buchobjekte aus Schablonen.

Sie entstehen im Atelier und auf Reisen und tragen Fundstücke aus Journalen dieser Länder mit sich.

Jedes Buch ist für sich eine Art komprimierte „Ausstellung in der Tasche“!

Künstlerbücher- Index

1998-2002

Traumgestalten (Acryl/Karton)

Die Frau, die.....(Scherenschnittbuch)

300 Rorschachs

Tagebuch N.Y.

Short Cuts

Materialienbuch 1

Alles und noch mehr

Schweizer Reisetagebuch

Vorlagenbuch für Fotogramme

Materialienbuch 2

Akkordeonstunde (Acryl)

Meiner Mutter Garten (Acryl)

La dame a la licorne (Acryl)

Family Life (Fotogramme)

Materialienbuch 3

Der seltsamer Garten

Bergtagebuch

Materialienbuch 4

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Short cuts - Materialbuch für Fotogramme

Fotogramme - Fotoarbeiten, die als Unikate in der Dunkelkammer ohne Verwendung der Negativbühne entstehen - haben mich schon in meiner Kindheit fasziniert. Ich durfte oft, nachdem mein Vater seine Abzüge in der Küche unserer Altbauwohnung ins Schwemmbad gelegt hatte, selbst mit Licht und Schatten und den kalt gewordenen Chemikalien experimentieren.

Auflegen, weglegen, abdecken, bewegen: auch heute reizt mich vor allem der haptische Aspekt dieser Bilderzeugung - dieses Hand-Werken nach einem vorgefassten Plan, dessen Ergebnis aber erst nach dem letzten Schritt im Entwicklerbad zu überprüfen ist. Danach ist keine Änderung auf diesem Wege mehr möglich.

Grundsätzlich interessiert mich in meiner Arbeit das Anlegen eines immer größer werdenden Repertoires von Schablonen. Ich ordne sie in Archiven, denen ich dann das Material für die Fotoserien entnehme.

Diese sind durch ihren narrativen Charakter gekennzeichnet. Sie wirken oft wie flott skizzierte Storyboards, in denen Umrisse von Figuren aus Tageszeitungen und Journalen, die mich bewegen und die ich festhalten möchte, eine zentrale Rolle spielen. Es sind Shot Cuts: schnell geschnitten, tauchen diese wieder in ironischen Verkleidungen vor der undurchdringlichen Schwärze des Hintergrunds auf. Das Schattenspiel ergänzen auch oft noch dreidimensionale Fundstücke. Damit wird jedes Werk zum Dokument der "Entfaltung eines individuellen Augenblicks", wie Raoul Hausmann den Prozess der Herstellung von Fotogrammen nannte."

Eines dieser Archive habe ich zu einem Materialbuch verarbeitet. Es enthält eine Auswahl von Schablonen, die Grundlage für die letzten Fotoserien waren. In dieser Sammlung - die als Teil einer groß angelegten Scherereien-Enzyklopädie gedacht ist- bilden sie fein geordnet ein eigenes Werk .

April 2002

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Eurotunnel

Im Jahr 2004, das ein Schaltjahr und für mich auch privat ein besonderes war, sind 366 Blätter Tagebucharbeiten - entstanden. Die Kassette trägt den Titel "Journal". Die Bilder sind durch einen sehr narrativen Charakter gekennzeichnet, wirken oft wie flott skizzierte Storyboards, in denen Umrisse von Figuren aus Tageszeitungen und Journalen, die mich bewegen und die ich festhalten möchte, eine zentrale Rolle spielen.

Zu den Zeichnungen gesellen sich Short Cuts: schnell geschnittene Fundstücke aber auch gezielt gesuchte Bilder: Immer wiederkehrend ist die Vorstellung des Fremden, des Fernen, und damit auch jedes Bild eine Umsetzung meines Leseinteresses.

Meine Bibliothek ist voll mit Reiseberichten, ethnologischen Fachbüchern und Entdeckerberichten; Reisen ins Unbewusste, Texte über Traumforschung und Erinnerungsarbeit. Ich reise gerne im Kopf, habe Mühe mit den realen Reisen, scheue mich geografisch weit entfernte Ziele anzupeilen.

Die Reduktion auf Schwarzweiß ist mit vereinzelten Ausnahmen im Zusammenhang mit meiner Arbeit an Fotogrammen zu sehen, bei denen durchwegs die Farben fehlen.

Hier erweitere ich meine Materialien, verwende Acryl, Kohle, Bleistift, Kleister, Filzstift und Tinte.

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Am sechsten Tag...

Seit meiner Schulzeit faszinieren mich Geschichten von   über Forscher und Entdecker. Vor allem jene Bereiche, in denen es um Religion, Aufklärung, Philosophie und Neurowissenschaft geht, bestimmen die Auswahl an Lektüre.

Die Biografie Charles Darwins hat darin einen speziellen Stellenwert, da sie einerseits mein Interesse an fernen Ländern und der Tierwelt befriedigt, gleichzeitig aber auch zeigt, wie sehr Wissenschaft und Religion bis heute mit sensiblen Fragen ringen.

Freud zählt in einem Werk drei prägende Kränkungen auf, die den Stolz und das Selbstbewusstsein der Menschen tief verletzt haben. Eine davon ist die Erkenntnis, dass wir in unserer Entwicklung dem Tierreich entstammen und somit - laut Darwin - fellow animals, also Artgenossen sind.

In meiner Arbeit interessiert mich vor allem der Aspekt, dass Tiere in unseren Gedanken ein beherrschendes Thema darstellen und sehr widersprüchliche Emotionen hervorrufen: Einerseits die Befremdung über die Andersartigkeit, die Neugier auf das Unverständliche und Rätselhafte, das Erschrecken und die Abwehr vor dem Wilden und Archaischen; andererseits die Wünsche und Projektionen, die Personifizierungen und Vermenschlichungen, die sich unsere Mitlebewesen gefallen lassen müssen.

In meinen Zeichnungen setze ich diese Überlegungen in ironische Statements um.

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Familienaufstellung

Seit vielen Jahren erzeuge ich aus Fotos, Fotogrammen und Fundstücken Künstlerbücher.

Damit ist das gemalte, gezeichnete, händisch gedruckte, geklebte, gefundene und veränderte ,...Unikat gemeint.

Für die Ausstellung family affairs habe ich Fotos aus einer Kassette vom Flohmarkt mit eigenen Familienfotos kombiniert. Begriffe aus der Technik der Familienaufstellung durchziehen die Bücher wie ein roter Faden.

Die fremden Paare aus den Fundstücken stellen den gesellschaftlichen allgemeinen Rahmen dar, vor dem jede persönliche Familiengeschichte abläuft.

Wie in Beziehungen jedes Problem von zwei Seiten gesehen wird, so kann auch der Betrachter die Bücher von beiden Seiten blättern.

Das Künstlerbuch, das in den 60er Jahren mit Fluxus, Konkreter Poesie und Konzeptkunst in geballter Form aufgetreten ist, kommt dem erweiterten Kunstbegriff entgegen. Wir finden es als Textbuch, Bilderbuch, Tagebuch, Forschungsbericht, Comic, Zählwerk und vieles mehr. Der Künstler tritt darin in einer besonderen Rolle auf – als Bild und Textautor, als Produzent und Verleger.

Für mich ist es ein alternativer Raum, der mehr als ein paar Bilder beinhaltet und das Betrachten zu einem haptischen Erlebnis werden lässt.

Wie sonst eher in Vitrinen zu finden, soll hier das Werk für den Betrachter zum Begreifen, Öffnen und Schließen aufliegen. Durch die besondere Bindung - jede zweite Seite weist in die andere Richtung - können zwei Besucher gleichzeitig an einem Buch blättern.

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Fotogramme

oder

Viele Wege führen in die Dunkelkammer

Zu Beginn meiner bildnerischen Laufbahn war das Malen und Zeichnen im Vordergrund. Ich habe mich von Thema zu Thema gehangelt, immer nahe meiner jeweiligen Lektüre. Lesen und Malen hing von Anfang an zusammen.

Als ich mich dann im Sommer 1988 intensiv mit dem Mikrokosmos und der Mikrofotografie zu beschäftigen begann, suchte ich nach einem anderen Werkzeug. Ich hatte schon geraume Zeit nur in Schwarz und Weiß gemalt und begann nun diese Bilder mit dem Kopierer zu bearbeiten. Dann folgte ein Sprung, indem ich sie auf Folien übertrug und in der Dunkelkammer auf Fotopapier sichtbar machte.

Wichtig war und ist mir bis heute, dass jedes Bild immer direkt auf dem Papier entsteht, also kein Negativ verwendet wird und es daher auch keine Auflage von mehreren Exemplaren gibt. Das unterscheidet die Werke von denen "herkömmlicher Fotokunst".

Ich entdeckte, dass die Fotogramm-Technik etwas für mich erfüllte, was die Malerei und Zeichnung nicht zuließ: eine Art Laborsituation, mit Versuchsanordnungen: aufdecken, abdecken, wegnehmen, dazulegen usw. Ich empfand mich wie eine Forscherin auf einem Gebiet, das noch von wenigen - wie mir bald klar wurde - betreten worden war.

Forscherin wollte ich schon immer werden. Ich brach aber mein Biologiestudium ab, weil ich daneben keine Zeit mehr zur kreativen Arbeit blieb. Lieber war mir das Lesen von Geschichten über Forscher, egal ob unter Wasser, in der Wüste, im Eis oder am Mond, in futuristischen Welten, alten Verließen, an historischen Orten oder in der mikroskopischen Wunderwelt des Mikroskops. All das übte große Faszination aus.

Inzwischen hat sich zur Dunkelkammerarbeit das Schneiden mit der Schere dazugesellt. Je länger man in der Dunkelkammer steht, um so stärker wird der Bedarf an kleinen Formen, ausgeschnittenen Schablonen und opaken Dingen, Gegenständen, die das Licht nicht durchlassen.

In den letzten Jahren entstanden verschiedene Werkgruppen, zum Beispiel "Im Dickicht der Kindheit": eine Sammlung von einfachen Formen, deren Vieldeutigkeit den Betrachter zu einem Ratespiel veranlasst.

Mehr und mehr erzählen die Bilder nun Geschichten oder Fragmente davon. Manchmal wirkt es, als würde eine Zeichnung aus einem Comic herausgehoben werden.

Um quantitativ weiter auszuholen zu können, bündle ich auch Werkgruppen zu Buchobjekten, die angegriffen und geöffnet werden dürfen. In der letzten Serie - "Monkey Memory" - geht es um Traumreste, in denen Verwandlungen eine große Rolle spielen.

Der Traum hat dabei eine doppelte Funktion: einerseits die des Impulsgebers; und andererseits ist er so, wie er funktioniert, auch eine gute Metapher für das Fotogramm an sich: das, was man sieht, ist eigentlich die Kehrseite, das Negativ dessen, was gemeint war. Und genau das tut der Traum: er dreht und wendet; was in seine Fänge gerät, und macht etwas ganz anderes daraus.

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Advise for girls

Fotoarbeiten und ein Gedicht

C-Print
30x40cm
2009

Während es in den früheren Maskenarbeiten um die Grenzen zum animalischen, instinkthaften Verhalten geht, drehen sich in der Serie Advise for girls die Gedanken um das älter Werden, der Blick auf die Jugend und den alten Stammbuchtext *, den ich gefunden und am Ende aber abgewandelt wiedergegeben habe:
Eine Serie von Ratschlägen , Kurzbriefchen an die nächste Generation von Frauen.
Vermischt mit Erinnerungen an die Zeit der Pubertät, in der alles neu , oft unverständlich und beängstigend scheint. Die weiblichen Personen tragen ein maskenhaftes Gesicht, keine Tiermäuler versuchen den Betrachter zu einem ironischen Lächeln zu verführen. Sätze wie „Begegne anderen mit Hingabe“ illustriere ich mit ironischen Szenarien, mit Augenzwinkern, dass nichts so wirklich ernst zu nehmen sei. Denn am Ende kommt der desillusionierende Satz:

Was auch kommt,
was auch geschieht,
am Ende wirst du merken:
Es ist immer dasselbe!!

Die Arbeiten sind schwarzweiß, auf mattem Papier, Zeichenblockcharakter, wie ein wehmütiger Blick zurück auf Vergangenes. Die Textbilder in verschiedenen Sprachen verstehen sich als Verweis auf Menschen, die ich als junges Mädchen kennengelernt habe.

*
*
*

Zögere nicht,
geh ohne Angst ins Leben!

Greif nach den Sternen, es lohnt sich ,
doch bleibe immer du Selbst

Begegne anderen mit Hingabe
und mach dich unbrennbar !

Nur so kannst du etwas Rechtes lernen.

Erfülle dir geheime Wünsche
nur vermeide es, unglücklich zu lieben!

Nütze jede Möglichkeit, die sich dir bietet,
denn die Zeit vergeht schnell

Was auch kommt,
was auch geschieht,
am Ende wirst du merken:
Es ist immer dasselbe!

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LONDONBOOKS 2011

Das Besondere am Zeichnen besteht für mich in der Einfachheit und Unkompliziertheit der Tätigkeit. Ein Stift, ein Blatt Papier und man ist „in der Zeit“ – „...with drawing you are in the present“ sagt Kiki Smith in einem Gespräch.

Es gibt für mich deshalb gerade auf Reisen nichts Beruhigenderes, als das Finden eines Ortes, wo ich mich dieser Leidenschaft widmen kann. Gerade wenn man sich zwar freiwillig der Fremde aussetzt und doch ein wenig Vertrautes braucht, stellt sich damit diese Stimmung rasch her.

Deshalb entstehen auf allen meinen Reisen dafür typische Zeichentagebücher. So auch heuer in London, wo ich mich zu dem Zeitpunkt der Unruhen in der Stadt aufgehalten habe. Wer sich aber nun Dokumentarisches erwartet, wird enttäuscht werden, denn mit dem Abbilden von äußeren Ereignissen haben meine Arbeiten nichts zu tun.
Es sind vielmehr Skizzen, Bilderbögen, die Innenansichten sichtbar machen, aber auch Ideen für weitere größere Bilder, die ich aus dem am Tag Erlebten, Gedachten Besprochenen und Gelesenen entwickle. Es sind Figu ren, die in seltsamen Situationen stecken, Tiere, Gegenstände. Ein Sammelsurium, manches wird nur angerissen, anderes genauer ausgeführt. Indem ich es in meinen Bücher banne, einpacke und nach Hause nehme, verdopple ich – für mich - die Freude am Aufbrechen und Ankommen.

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Wie ich mir das Unbewusste vorstelle...

Timm Starl

am 17. Oktober 2007
in der Galerie Raum mit Licht

Fotogramme sind älter als Fotografien, nämlich ungefähr um 17 Jahre, wenn man die ersten gelungenen fotografischen Versuche des Franzosen Joseph Nicéphore Niépce von 1816 nimmt, die sich allerdings nicht erhalten haben, weil der Erfinder die Wiedergaben noch nicht zu fixieren wusste. Dasselbe Schicksal teilten die Fotogramme des Engländers Thomas Wedgwood aus der Zeit um 1799. So tauchen beide bloß in Briefen auf, allerdings unter unterschiedlichen Namen. Das führte dazu, dass in den Fotografiegeschichten das Fotogramm erst 1919 das Licht der Welt erblickt, nachdem der deutsche Künstler Christian Schad allerlei Gegenstände auf Tageslicht-Auskopierpapier gelegt und bleibende Abdrücke erhalten hat. Seine Produkte hießen zunächst Schadographien, wie auch Man Ray dieserart Bilder wenige Jahre später Rayografien taufte. Doch noch in den 1920er Jahren einigten sich die Kommentatoren auf den Terminus „Fotogramm“ für 1:1 Belichtungen auf empfindlichem Fotomaterial, die ohne Kamera und Objektiv zustande kommen.
Der Begriff Fotogramm kursierte jedoch schon ab den 1870er Jahren, als man in manchen Kreisen für etwa zwei Dekaden Fotografien Fotogramme nannte, nach dem Motto, dass ein Telegraf Telegramme hervorbringt und nicht Telegrafien, also ein Fotograf Fotogramme und nicht Fotografien. Wogegen die Fotogramme im heutigen Verständnis während des 19. Jahrhunderts alle möglichen Namen aufwiesen, wie Silhouetten, fotogenische Zeichnungen, Naturselbstdrucke und nicht zuletzt Cyanotypien. Diesem Verfahren war die Besonderheit eigen, dass es blaue Bilder lieferte. Bemerkenswerter aber ist die Tatsache, dass die bis heute bekanntesten Schöpfungen dieserart bereits 1842, im Jahr der Erfindung, von einer Frau fabriziert worden sind, von der Engländerin Anna Atkins, die in der Folge drei Bände veröffentlichte, in denen sie ihre Algensammlung dokumentierte. Im Titel der Publikation treffen sich die Begriffe: Er lautet „Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions“. Was mich zu einer Formulierung von Waltraud Palme führt, die (2002) kurz und bündig erklärt (hat), Fotogramme seien „Fotoarbeiten, die als Unikate in der Dunkelkammer ohne Verwendung der Negativbühne entstehen.“ Der Kompromiss liegt in dem Wort „Fotoarbeiten“, denn in der Fotografie sind – mit wenigen Ausnahmen – nur die Negative Unikate, doch werden gewöhnlich nicht diese, sondern die positiven Abzüge als Fotografien bezeichnet.
Beim Fotogramm ist jedoch alles anders. Zwar existiert kein Negativ der üblichen Art, aber das Bild zeigt die negative Seite der Dinge. Feste Gegenstände halten das Licht von der empfindlichen Schicht ab und bilden sich daher weiß ab; während alle anderen Flächen durch den Einfall des Lichts schwärzen. Wer Fotogramme herstellt, bringt – könnte man sagen – Dunkel ins Licht. Denn die Schatten, die die Dinge auf dem verwendeten Papier oder Film hinterlassen, sind weiß. Wogegen nichts zu sehen ist, worauf das Licht gefallen ist. Man könnte bei Fotogrammen auch von einer Schatten-Schrift sprechen – in Analogie zur Fotografie, was ja übersetzt Licht-Schrift bedeutet.
Diese verkehrte Welt stellt das ganz gewöhnliche Ergebnis von physikalischen Gesetzen und chemischen Reaktionen dar. Der Reiz liegt darin, dass wir beim Betrachten von Fotogrammen umdenken müssen: Hell und Dunkel haben andere Bedeutungen, und die Erscheinungen treten nicht hervor, sondern gleichsam zurück hinter die Konturen, die sich im Dunklen abzeichnen. Damit treten sie auf andere Weise erst recht hervor. Lässt man die Umkehrung außer Acht, bleibt alles abstrakt, d.h. das Dingliche verschwindet zugunsten des Begrifflichen, das Reale zugunsten des Theoretischen.
Damit eröffnet sich für den Betrachter ein weites Feld für Entdeckungen, für Projektionen, für Mutmaßungen. Insbesondere wenn man vor den Kreationen von Waltraud Palme steht. Denn sie verwendet nicht nur unterschiedliche Materialien wie Papierstücke und Stoffreste, Spielzeug und Muscheln, Puppen und anderes, sondern auch Buchstaben, Zeichnungen und Fotografien. Und während die einen Zeichen setzen, behaupten die anderen ihren Platz als Bild im Bild. Wobei die Fotos sich gewissermaßen gegen das Fotogramm stellen, weil sie nicht negativ erscheinen, was sie ja eigentlich müssten, sondern als positive Wiedergaben, was heißt, dass sie von der Künstlerin zunächst auf Folien ins Negative gewendet worden sind und diese Folien in den Fotogrammen Verwendung finden und sich dort positiv hervortun. In manchen Aufnahmen tritt sie selbst als Modell auf, mit Maske und ohne sich zu erkennen zu geben. Die Autorin hat sich damit ins Bild begeben, deutet auf die beiden Verfahren – Fotografie und Fotogramm – und lockt den Betrachter, wie sie ihn zugleich irritiert. Und dann existieren noch Bilder, die wie Fotogramme aussehen, aber keine sind ..., was zu erläutern ich mir schenke, weil letztlich nicht die Produktionsprozesse zählen, sondern die Eindrücke.
Diese resultieren aus den Verschränkungen der Gebilde in Palmes Fotogrammen, von denen einem manche bekannt vorkommen, gegenüber anderen, die nur Form sind bzw. sich als solche entäußern. Aber alle Erscheinungen korrespondieren miteinander, Zeichen und Bilder, zumal ja jedes auch das andere ist. Eine solche Korrespondenz bringt Leben in die Fotogramme, erzeugt Spannung, bringt sie zum Sprechen, ohne dass wir genau verstehen, wovon die Rede ist. Es ist wie ein Flüstern, von dem uns Wortfetzen erreichen, deren Sinn jedoch verschwommen erscheint.
Waltraud Palme offeriert eine reichhaltige Sammlung von Andeutungen, Unklarheiten, erkennbaren Details, von seltsamen Figuren und eigenartigen Gegenstellungen, von Räumen ohne dritte Dimension. Was liegt vor etwas anderem, oder über ihm; was mag es darstellen, worauf soll es hinweisen? Die schwarzweiße Gewissheit, die man zu sehen bekommt, ist voller Geheimnisse, die dazu aufrufen, ihnen nachzugehen. Sie sind nicht zu lüften, aber man kann sich ihnen hingeben. Der Betrachter begibt sich quasi in ein Rätsel. Dort findet er sich nur zurecht, indem er eigene Kombinationen anstellt, andere Konstruktionen versucht, neue Zusammenhänge kreiert. Unsere Phantasie ist gefordert, sie mag in Gedanken neue Bilder formen. Den Vorstellungen von Waltraud Palme folgt man am besten, indem man eigene entwickelt. Ihren Bildern sollte man träumerisch begegnen. Dann fühlt man sich auch wohl innerhalb all der Geheimnisse, die mit den poetisch anmutenden Fotogrammen über einen kommen. Denn noch immer bietet der Traum die beste Gewähr, in Bilder einzutreten.
Dazu wünsche ich Ihnen viel Vergnügen!

© Timm Starl 2007

www.kritik-der-fotografie.at
www.fotokritik.at

Fotokritik ist eine Art Kolumne, die immer wieder um neue Kommentare zum selben Thema erweitert wird. Anders als bei periodischen Druckwerken verdrängt jedoch ein Beitrag nicht die früheren Artikel, sondern diese bleiben auch über den aktuellen Anlass hinaus erhalten. Dabei handelt es sich durchwegs um Rezensionen von Ereignissen unterschiedlicher Dauer und Präsenz, nämlich von Tagungen, die ja bereits stattgefunden haben, von Ausstellungen, die möglicherweise noch gezeigt werden, und von Publikationen, die gewöhnlich für einige Zeit im Buchhandel und unbegrenzt in manchen Bibliotheken greifbar bleiben und somit von einer Besprechung entsprechend begleitet werden.

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